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30.06.2016

Dr. Ingmar Hoerr: Vorsitzender des Vorstands der CureVac AG

"Ich war auf etwas Großes gestoßen"

IHK-Campus-Startup sprach mit Dr. Ingmar Hoerr, Vorstandsvorsitzender der CureVac AG, über die Anfänge des Unternehmens, sein politisches Engagement und Tipps für Gründer.

Foto: PR

IHK-Campus-Startup: Können Sie für "Nicht-Biologen" erklären, was die CureVac AG macht?

Hoerr: CureVac ist ein biopharmazeutisches Unternehmen, das Medikamente auf Basis des natürlichen Moleküls Messenger-RNA (mRNA) erforscht, entwickelt und produziert. Genau wie es die Natur vorgesehen hat, verwenden wir mRNA als Datenträger-Molekül für die Bauanleitung von Proteinen. Anstatt eines funktionellen chemischen oder biologischen Wirkstoffs erhält der Körper damit "nur" die notwendige Information, um seine eigene, maßgeschneiderte Medizin selbst herzustellen. Konkret entwickeln wir auf Basis von RNA Krebsimmuntherapien (RNActive®), durch die das Immunsystem der Patienten angeregt wird, den Tumor durch eine spezifische Immunantwort zu bekämpfen, prophylaktische Impfstoffe (RNActive®) gegen Infektionskrankheiten, Adjuvantien (RNAdjuvant®), welche die Wirkung von Impfstoffen verbessern, und molekulare Therapien (RNArt®), durch die der Körper befähigt wird, fehlende Proteine herzustellen oder defekte Proteine zu ersetzen.

IHK-Campus-Startup: Sie haben im Jahr 2000 aus der Uni Tübingen heraus gegründet. Wie fing alles an?

Hoerr: Nachdem ich 1999 in meiner Doktorarbeit überraschenderweise erkannt habe, dass das Biomolekül RNA - entgegen der allgemeinen Lehrmeinung - als Therapeutikum und Impfstoff eingesetzt werden kann, war mir sofort klar, dass ich auf etwas Großes gestoßen war. Auf einem Segeltörn, den ich zusammen mit anderen frisch Promovierten von Stralsund nach Bornholm machte, ist dann der Impuls zur Unternehmensgründung gekommen. Gemeinsam mit Steve Pascolo und Florian von der Mülbe gründete ich CureVac. Das Marktumfeld im Jahr 2000 war schwierig und so gründeten wir das Unternehmen zunächst ohne Investoren. Glücklicherweise hatten wir die Chance, Fördermittel über das Land Baden-Württemberg zu bekommen, die uns erlaubten, kostenlos die Laborräume und Infrastruktur der Universität zu nutzen. Mit der Universität im Rücken konnten wir weitere Fördermittel beantragen, um zumindest die notwendigsten Labormaterialien kaufen zu können. 2003 fanden wir dann mit Leonardo Venture, einem kleinen VC-Fond aus Mannheim, unseren ersten Kapitalgeber. Durch Leonardo Venture, weitere Fördermittel und eine kleine Beteiligung staatlicher Mittel konnten wir im Jahr 2003 2,7 Mio. EUR einwerben. So erreichten wir den nächsten Meilenstein: wir konnten in den neu erbauten Technologiepark der Stadt Tübingen einziehen, wo wir bis heute unser Hauptquartier haben. Doch auch in den darauffolgenden Jahren gab es immer wieder Durststrecken. Wir sind zeitweise sogar in einen Notfallmodus gewechselt und haben versucht, im Bereich unserer Kernkompetenz RNA Servicearbeiten für Kunden zu übernehmen, um damit Geld zu verdienen. 2006 stieg schließlich Dietmar Hopp mit seiner dievini Hopp Biotech holding GmbH & Co. mit 35 Mio. EUR ein. Wir warfen unser Notfallkonzept der Kundendienstleistungen sofort über Bord und widmeten uns ab da wieder unserem eigentlichen Ziel, RNA in die Klinik zu bringen.

IHK-Campus-Startup: Worüber schmunzeln Sie heute, wenn Sie an Ihre Gründerzeit denken?

Hoerr: Rückblickend muss man schon sagen, dass wir damals relativ blauäugig an die ganze Sache rangingen. Unsere Gespräche mit den Behörden, die Anmeldung der ersten Patente und die Erstellung unseres Businessplans waren teilweise wirklich nach dem Trial and Error Prinzip, worüber wir heute schon manchmal schmunzeln müssen.

IHK-Campus-Startup: CureVac hat sich mittlerweile von einem Mini-Startup zu einer AG gemausert. Kann man solch einen Weg strategisch von Beginn an planen?

Hoerr: Nein, man muss sich die Dinge runterbrechen und überschaubar machen. Bei Hightech-Gründungen ist man immer extrem von den wissenschaftlichen Ergebnissen abhängig, die man oft nicht voraussehen kann. Deswegen ist die Planung der möglichen Szenarien (erwartet, schlecht, gut) wichtig.

IHK-Campus-Startup: Sie haben in 16 Jahren extrem viel Geld von Investoren akquiriert. Verraten Sie uns, wie man sich dazu als Startup aufstellen muss?

Hoerr: Authentisch bleiben. Der Investor muss immer zum Unternehmen passen, nie umgekehrt. Auch wir haben am Anfang Lehrgeld gezahlt. Klare, ehrliche, schnelle Kommunikation, auch über die Misserfolge und der Versuch gemeinsam eine Lösung zu finden.

IHK-Campus-Startup: Persönlich engagieren Sie sich auch politisch für Forschung und Entwicklung in Deutschland. "1 Prozent für Forschung", fordern Sie. Was steckt dahinter?

Hoerr: Da geht es darum, dass die Politik bessere Rahmenbedingungen schafft, damit Investitionen in Hightechs auch für Fonds, Lebensversicherungen und Privatpersonen möglich wird. Es geht vor allem um Unternehmen, die (noch) nicht an die Börse können. Für CureVac war die Finanzierungsrunde von 100 Mio. EUR letztes Jahr nur im Ausland möglich, obwohl eigentlich bei uns alles stimmig sein sollte: gute klinische Ergebnisse, Bill Gates Foundation und Dietmar Hopp als Ankerinvestoren. Wenn das deutschen Investoren für die Überwindung der vielfältigen hiesigen Investitionshindernisse nicht ausreicht, dann wird es auch für andere Unternehmen derzeit wohl sehr schwierig in Deutschland sein.

IHK-Campus-Startup: Zum Abschluss: Ihr Tipp für Startups?

Hoerr: Nicht gründen, um sich selbst zu verwirklichen. Da gibt es bessere Möglichkeiten: Karriere bei einem Unternehmen machen und der Passion als Hobby frönen. Warum: Es kommt in allen Gründungen ausnahmslos der Tag x, an dem der Leidensdruck z.B. in puncto Personalthemen und Geld ins Unermessliche steigt. Das überwinden nur diejenigen, die sich selbst zurücknehmen können und alles, was sie haben, in die Waagschale der Gründung werfen. So weit gehen die Selbstverwirklicher dann nicht mehr und scheitern letztlich an sich selbst. Durchhaltevermögen und Kampfgeist auch in vermeintlich ausweglosen Situationen ist die Grundvoraussetzung des unternehmerischen Erfolgs.